Casting Mausi und Blasi

Ich bin bei einer Film- und Fernsehagentur „Mausi und Blasi“.
Nein natürlich nicht, aber wenn ich zu „vorausgesuchten Castings“ gehe, fühle ich mich manchmal so.
Ich konkurriere mit magersüchtigen Balletteusen um den Milkaspot, schiebe reimend für Billa einen Einkaufswagen, der mir bis über die Nase reicht, lächle für Damenbinden, Backmischungen, Entkalker und Orangensaft und lächle das Lachen mit Verfremdungseffekt.

Es gibt sie immer, die Dünneren, die Jüngeren, die Größeren und die Fiesen, die es auch ohne Gage machen, ja, die gab es immer schon. Sogar von Selbstzahlern und Innen habe ich gehört. Da muss man sich als Schauspielerin nach vorne lehnen, um nicht in Vergessenheit zu stürzen, da muss man sich ganz weit nach vorne bücken, alles raus, was geht und vor. Da musste man eben manchmal auch in Schwachsinn investieren, um sich nicht selbst das brüchige Ästchen unter dem weniger brüchigen Popo wegzusägen. Raus und vor!!!
Zwischen Mausi und Blasi ist die Spanne sehr kurz.

Ein Casting ist eine Investition ins schaustellerische Glück! Wer möchte nicht einmal die dicke Schwester eines Vorstadtweibes oder eine aufgedunsene Wasserleiche in Soko Donau spielen oder vom Braunschlag getroffen werden?
Für das Casting musste ich mich investieren, da musste ich tief hineingreifen.
Wenn der Casting Leiter sagt: Bitte bringen Sie mit – sofern vorhanden – ein rosa Kleid, eher ältlich, 20er Jahre, drei verschiedene Perücken, fünf Paar rote Schuhe, einen kleingemusterten, blaugrauen Seidenschal aus Turkmenistan, 5 Esslöffel Joghurtbutter im Glas und ein armenisches Musikstück ihrer Wahl auf Mp3 Disc als Musikvideo und als Download – dann tue ich das einfach. Dann bringe ich das mit.

Ansonsten bin ich ganz natürlich und spontan!

Wenn die Casting Direktorin mir eine gefühlte Stunde den psychologischen und kulturgesellschaftspolitischen Hintergrund einer Figur schildert – einer Figur, die wohlgemerkt, in einem Handywerbespot lebt – dann wundere ich mich nicht, dass diese Figur in dem besagtem Werbespot nur einmal kurz in die Hände klatscht and das war’s, dann wundere ich mich nicht. Dann klatsche ich mitsamt der ganzen von mir imaginierten Lebensgeschichte dieser Person, samt ihren Hobbies, samt ihren Lebensmittelunverträglichkeiten und ihrem Migrationshintergrund topmotiviert in die Hände! Und das war’s!

Werbecaster wollen auch beschäftigt sein und das Gefühl haben, dass Qualität ein vorausgesuchtes Casting braucht, dass nicht jede Darstellerin einfach ihre Handfläche öffnen kann und es liegt ein Tampon darin, das die Regel dort aufnimmt, wo sie entsteht – nämlich in der Hand…äh…im Kopf… (klatschen)

Raus und vor!

(klatschen)

Raus und vor! Ich musste investieren. Ich nahm ein paar Hundert Euro in die Hand und besuchte einen Casting-Workshop. Wenn mich das nicht gleichzeitig nach vorne, nach oben und in einen Karrieredoppelsalto vorwärts werfen würde, was dann!
Die relevanteste Information zum Thema Vorbereitung auf ein Casting war der Hinweis von Frau Knallkopf-Hirnstingl, nach einer ungefähr dreistündigen Ein- und Ausführung über ihr Leben, dass sie es gar nicht möge, wenn man ihr zu Weihnachten persönliche Emails oder etwa Glückwunschpostkarten schrieb. Ein kurzes Demoband ja, alles weitere würde sie als müßig erachten.
In meinem Kopf klingelte es, die heiligen Drei Könige standen vor der Tür und Melchior sagte:
„Frau Knallkopf-Hirnstingl schafft sich gegen Bezahlung lästige Bewerbungs-Emails vom Hals! Hinter der nächsten Düne hängen wir sie ab!“

Aber vor der nächsten Düne gab es ja noch so viel Wissenswertes zu erfahren und Casting Tipps aus dem Treibsand auszubuddeln. Ich blieb also brav in der Kiste hocken und lernte zweitens:
Wenn du nervös bist beim Casting, kannst du dir eine Trinkflasche mitnehmen…
zum Trinken – ja no na net – und um sich daran „festzuhalten“. Die hätte ich jetzt gerne auch gehabt, diese Trinkflasche, am besten aus Gusseisen.
Dritter und essentieller schauspielerischer Hinweis:
Nicht im Lebenslauf angeben, dass man reiten kann, wenn man es nicht kann. Interessanter Aspekt!?
Gut, ich war bis jetzt erst auf einem Islandpony dahingerutscht, hatte aber auch nicht vorgehabt dieses Faktum in meiner nächsten Filmbewerbung gelb zu hinterlegen und breit zu traben.
Zumal ich mich in meiner kleinen Reitepisode auch nicht besonders ausgezeichnet hatte. Mir war ein überaus stures Islandpony unter den Hintern verteilt worden, welches gerne längere Denk,- und Reitpausen einlegte, sodass die restliche Gruppe bereits nach zehn Minuten nicht mehr in der grünen Wiesenlandschaft auszumachen war, sie saß vermutlich schon bei kräftigem Pökelfleisch in der nächsten und einzigen Gaststätte, während ich versuchte mittels kräftigem Zeheneinsatzes mein Pony weiter zu schieben. An eine Neuverfilmung von „Black Beauty“ war also nicht zu denken, das lag außerhalb meiner Mähnenreichweite. Vielleicht reichte es ja für „The ultra long journey to Trenton“ oder „Little crazy riding hood“.

Ich biss die Zähne aufeinander und raunte in der Filmszene, die wir nun vor der Kamera spielen mussten, als Sigmund Freud dem schräg vor mir postierten Herrn Gustav Maler, in Form eines 22 jährigen langhaarigen Mädchens, meine für teures Geld auswendig gelernten Zeilen in den Hinterkopf.

„Geht es Ihnen schon besser?“, fragte ich als Sigmund Freud, um mir darauf gleich selbst zu antworten: „Ja danke, es geht mir besser, viel besser, ich habe die Abzweigung an der Düne gerade noch erwischt.“